#5 - Wie die Blase platzte: WeWork's Weg in die Insolvenz

#5 - Wie die Blase platzte: WeWork's Weg in die Insolvenz

Von der Spitze zum Tiefpunkt: WeWorks dramatischer Sturz

Heute gibt es eine Case Study zum Unternehmen WeWork. Du hast vielleicht schon davon gehört, dass WeWork Anfang November 2023 seine Insolvenz verkündet hat. In diesem Artikel schauen wir uns genauer an, was dahinter steckt und wie es dazu kam. Lass uns starten!

WeWork, einst als revolutionäres Start-up gefeiert, das die Arbeitswelt mit seinen hippen Co-Working-Spaces umgestalten wollte, steht nun vor den Trümmern einer gescheiterten Vision. Die Insolvenzanmeldung des Unternehmens markiert den vorläufigen Tiefpunkt einer Achterbahnfahrt, die mit einer Bewertung von $47 Milliarden in 2019 ihren Höhepunkt erreichte und nun bei mageren $44 Millionen angelangt ist.

Seit dem Börsengang im Oktober 2021 fiel die Aktien von rund $527 auf $0,84 (siehe Abbildung 1). Da ist ein Verlust von 99,9% in nur zwei Jahren!

Abbildung 1: Entwicklung der WeWork-Aktie von 2021 bis November 2023, Quelle: Statista/Yahoo Finance

Abbildung 1: Entwicklung der WeWork-Aktie von 2021 bis November 2023, Quelle: Statista/Yahoo Finance

 

Die Anfänge und das schnelle Wachstum

WeWork startete mit der Idee, Flexibilität und Gemeinschaftssinn in die starre Bürowelt zu bringen. Dabei miete WeWork Büroflächen langfristig an, hübschte diese auf und vermietete diese dann kurzfristig an Start-ups, Freelancer und Unternehmen weiter. Die Bewertung des Unternehmens schnellte in die Höhe, getrieben durch ein Geschäftsmodell, das auf den ersten Blick attraktiv wirkte, aber bei näherer Betrachtung große finanzielle Schwächen offenbarte. Der Versuch, 2019 an die Börse zu gehen, scheiterte und legte die finanziellen Probleme des Unternehmens offen: Zu hohe Verluste und eine undurchsichtige Gesellschaftsstruktur. Die Pandemie verschärfte die Lage weiter, als Büros weltweit leer standen und WeWork mit hohen Kosten und ungenutzten Räumen kämpfte.

 

Die finanzielle Schieflage

Lass uns nun einen Blick auf die Finanzdaten von WeWork werfen. Im 2. Quartal 2023 (1. April bis 30. Juni 2023) erzielte das Unternehmen einen Umsatz (Consolidated Revenue) von $844 Millionen (siehe Abbildung 2). Wenn wir das auf das Jahr hochrechnen, ergeben sich rund $3,4 Milliarden Umsatz. Viel Wachstum steckt dabei auch nicht mehr im Unternehmen: Im Vergleich zu den $815 Mio. Umsatz im Vorjahresquartal ergeben sich nur magere 3,5% Umsatzwachstum. Die Wachstumsphase ist hier schon länger vorbei.

Abbildung 2: Kennzahlen zu Umsatz und Gewin aus WeWork's Q2-2023 Bericht

Abbildung 2: Kennzahlen zu Umsatz und Gewin aus WeWork's Q2-2023 Bericht

 

In der Bilanz des Unternehmens finden wir dann die erschreckende Wahrheit: Das Unternehmen hat nur noch einen Cashbestand von $205 Mio. Ende des 2. Quartals 2023 (Cash and cash equivalents, siehe Abbildung 3).

Dieser niedrigere Bargeldbestand trifft auf sehr hohe finanzielle Verpflichtungen: Ende des 2. Quartals hat das Unternehmen $2,91 Mrd. langfristige Schulden (Long-term debt, net) und langfristige Verpflichtungen als Mieter von - halt dich fest - unfassbaren $13,28 Mrd. (Long-term lease obligations, siehe Abb. 3). WeWork muss in den nächsten Jahren also über $13 Mrd. für die Anmietung von Büroflächen zahlen.

Dazu kommen noch $833 Mio. kurzfristige Verpflichtungen als Mieter (Current lease obligations, siehe Abb. 3), die alleine in den nächsten 12 Monaten von WeWork zu zahlen sind. WeWork generiert somit zu niedrigere Umsätze im Vergleich zu seinen hohen Verpflichtungen.

Abbildung 3: Bilanz in WeWork's Q2-2023 Bericht: In der Bilanz ist nur noch Cash von $205 Mio. Ende Q2-2023. Das trifft auf langfristige Mietverpflichtungen von $13,2 Mrd. und langfristigen Schulden von ca. $3 Mrd. Keine gute Kombination.

Abbildung 3: Bilanz in WeWork's Q2-2023 Bericht: In der Bilanz ist nur noch Cash von $205 Mio. Ende Q2-2023. Das trifft auf langfristige Mietverpflichtungen von $13,2 Mrd. und langfristigen Schulden von ca. $3 Mrd. Keine gute Kombination.

 

Nun schauen wir uns das Ergebnis von diesen üblen Ausgangsbedingungen an. Hier ist der "Free Cash Flow" ein guter Indikator. Der "Free Cash Flow" (FCF, Freier Cashflow) beschreibt, wie viel Bargeld ein Unternehmen nach allen Ausgaben noch übrig hat. Dies beinhaltet Ausgaben wie die Bezahlung von Mitarbeitern, Kauf von Materialien, und Investitionen in Anlagen oder Ausrüstung. Der FCF ist wichtig, weil er zeigt, wie viel Geld ein Unternehmen zur Verfügung hat, um Schulden zu tilgen, Dividenden an Aktionäre zu zahlen, oder um in neue Projekte zu investieren.

Bei WeWork war der FCF in den letzten Jahren negativ. Das heißt, dass Unternehmen gibt mehr Geld aus, als es durch seine Geschäfte einnimmt. Konkret lag der FCF in der ersten Jahreshälfte 2023 bei $646 Mio. (siehe Abb. 4). Rechnen wir das nun auf das ganze Jahr hoch, ergibt sich ein negativer Free Cash Flow von knapp $1,3 Mrd. Also braucht WeWork pro Jahr mindestens $1,3 Mrd. um seine Geschäfts am laufen zu halten. Das Unternehmen ist damit stark abhängig von Finanzspritzen durch externe Investoren.

Pro Quartal verbrennt WeWork somit ca. $323 Mio. ($646 geteilt durch 2). Ein Cashbestand von $205 Mio. reicht damit keine drei Monate aus. Das ist somit auch der Grund für die Insolvenz des Unternehmens gewesen.

Abbildung 4: Free Cash Flow in WeWork's Q2-2023 Bericht

Abbildung 4: Free Cash Flow in WeWork's Q2-2023 Bericht

 

Das Unternehmen verbrannte stetig Millarden. Selbst ein Börsengang Ende 2021 über einen SPAC (Special Purpose Acquisition Company), der das Unternehmen mit 9 Milliarden Dollar bewertete, konnte das Ruder nicht herumreißen. SoftBank, als Hauptinvestor, sieht sich mit enormen Verlusten durch seine WeWork-Beteiligung konfrontiert.

Alleine in den Jahren 2016 bis 2023 machte WeWork Verluste von $15,7 Mrd. in Summe (siehe Abbildung 5). Alleine in 2022 machte das Unternehmen einen Verlust von $2 Milliarden. Heftig!

Abbildung 5: Entwicklung der Umsätze und Verluste bei WeWork, Quelle: Statista, WeWork

Abbildung 5: Entwicklung der Umsätze und Verluste bei WeWork, Quelle: Statista, WeWork

 

Die Insolvenz und Neuausrichtung

Mit dem Insolvenzantrag Anfang November 2023 strebt WeWork nun eine Neustrukturierung an. Gläubiger, die den Großteil der Schulden halten, haben dem Plan bereits zugestimmt. Es ist eine Verkleinerung des Büroflächenangebots geplant, um das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Während die Insolvenz die US- und kanadischen Standorte betrifft, bleiben internationale Standorte und Franchise-Gebäude von diesem Verfahren unberührt.

 

Mein Fazit

Seit dem ersten geplanten Börsengang im Jahr 2019 war ich bereits skeptisch gegenüber WeWork. Das Geschäftsmodell, das auf der Bereitstellung von Büroflächen für Start-ups basierte, war aus meiner Sicht ziemlich fragil. Das hatte ich auch in dieser Podcast-Folge von August 2021 beschrieben.

Die Analogie zu einem Saisonhotel in einer Urlaubsregion verdeutlicht das Dilemma: Stell dir WeWork vor wie ein Hotel in einer Urlaubsregion, das sich auf saisonale Touristen spezialisiert. Das Hotel (WeWork) schließt langfristige Pachtverträge für sein Grundstück und seine Einrichtungen ab, in der Hoffnung, dass die Zimmer in der Hochsaison (Boomzeiten für Start-ups) ständig belegt sind. Doch wenn die Reisesaison vorbei ist (wenn die Wirtschaft schwächelt), bleiben viele Zimmer leer, da die Touristen (Start-ups) ausbleiben, die Kosten für die Pacht aber weiterhin anfallen.

In wirtschaftlich guten Zeiten kann das Modell funktionieren, aber in schlechten Zeiten steht WeWork in direkter Konkurrenz zu jedem Ort, der kostenloses WLAN bietet, einschließlich Cafés. Trotz dieser strukturellen Schwächen wurden zig Milliarden in das Unternehmen gepumpt, was zu einem nicht nachhaltigen Wachstum führte.

Der Börsengang über einen SPAC verstärkte meine Bedenken. SPACs können nämlich ein Indikator für Unternehmen niedrigerer Qualität sein, die schnell Kapital beschaffen wollen. WeWork hat nie Gewinne erwirtschaftet und steht nun als mahnendes Beispiel für ein schlechtes Geschäftsmodell und zu viel Wachstumskapital, das zu einer Bewertungsblase führte, die letztendlich Milliarden vernichtet hat. Wir als Investoren können davon lernen, dass wir das Geschäftsmodell eines Unternehmens genau auf den Prüfstand stellen. Wir sollten uns fragen: Wie profitabel ist das Unternehmen aktuel? Falls es aktuell noch keine Gewinne und Cashflows erzielt, besteht ein klarer Weg dahin oder nicht? Bei WeWork gab es diesen Weg nicht und daher musste das Unternehmen scheitern.

 

Haftungsausschluss: Die Informationen auf diesem Blog dienen nur zu Bildungszwecken und sind keine Anlageberatung. Sie ersetzen nicht die fachkundige Beratung durch einen qualifizierten Finanzberater. Der Autor übernimmt keine Haftung für Entscheidungen, die auf diesen Informationen basieren. Investitionen bergen Risiken, einschließlich des Verlusts von Kapital. Leser sollten eigene Recherchen anstellen oder professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.